Wirtschaftskonferenz 2026 in Brehna: Klartext, neue Perspektiven und Mut zum Handeln Wirtschaftskonferenz Sandersdorf-Brehna - Was Unternehmen stärkt und die Region voranbringt
Welche Wirtschaftspolitik braucht Deutschland – und was können Unternehmen und Kommunen selbst bewegen? Darüber diskutierten am 13. Oktober 2026 im Best Western Parkhotel Brehna-Halle Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunalpolitik. Die Wirtschaftskonferenz der Stadt Sandersdorf-Brehna stand unter dem Titel „Wachstum, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit: Welche Wirtschaftspolitik braucht Deutschland jetzt?“
Zu Gast waren Christian Lindner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Autoland AG und Bundesfinanzminister a. D., Prof. Dr. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, und Achim Oelgarth, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Ostdeutschen Bankenverbands. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Steffi Syska beleuchteten sie wirtschaftliche Zusammenhänge und Handlungsmöglichkeiten vor Ort. Radio-SAW-Moderator Maik „Scholle“ Scholkowsky führte durch den Abend.
Bei unterschiedlichen Schwerpunkten verband die Beiträge eine Überzeugung: Bessere Rahmenbedingungen sind notwendig. Zugleich gilt es, vorhandene Spielräume zu nutzen und Veränderungen selbst anzustoßen.
Wirtschaftspolitik wirkt vor Ort
Bürgermeisterin Steffi Syska machte zum Auftakt deutlich, warum Wirtschaftspolitik auch eine kommunale Aufgabe ist: Ihre Folgen zeigen sich bei Ausbildungsplätzen, Beschäftigung, Investitionen und der Lebensqualität.
„Erfolgreiche Betriebe schaffen Beschäftigung und Ausbildung, stärken die Region und eröffnen Perspektiven für die Menschen vor Ort.“
Dazu brachte sie eine aktuelle Nachricht aus dem zuständigen Landesministerium mit: Für den weiteren Ausbau des Industriegebiets Brehna steht ein Fördermittelbescheid über 42 Millionen Euro bevor. Die Mittel sollen neue Unternehmensansiedlungen ermöglichen und damit Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung in der Region fördern.
Christian Lindner: Die Regeln aus neuer Perspektive
Christian Lindner schilderte seinen Wechsel vom politischen Gestalter zum unternehmerischen „Anwender“ der Regeln – „ein sogenanntes Opfer“, wie er selbstironisch ergänzte. Obwohl er sich als Bundesfinanzminister für weniger Bürokratie eingesetzt habe, habe er die praktische Belastung durch Vorschriften und Dokumentationspflichten unterschätzt.
Sein Vorschlag fiel entsprechend weitreichend aus: Die regulatorischen Anforderungen sollten auf den Stand vom 1. Januar 2018 zurückgeführt werden. Das würde Unternehmen mehr Freiraum geben und zugleich die Verwaltung entlasten. Politik, Behörden und Wirtschaft müssten gemeinsam daran arbeiten, Entwicklung zu ermöglichen.
Am Automobilhandel erläuterte Lindner, wie unmittelbar politische Entscheidungen den Geschäftsalltag beeinflussen. Einfuhrbeschränkungen für Fahrzeuge aus China beträfen das Angebot und die Einkaufsplanung eines Händlers ebenso wie die Wahlmöglichkeiten der Kundschaft. Dabei verwies er auf die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller und warb für offenen Wettbewerb.
Auch Förderprogramme hätten Nebenwirkungen: Wenn Zuschüsse neue Elektrofahrzeuge verbilligten, könnten vergleichbare Gebrauchtwagen an Wert verlieren. Deshalb müsse geprüft werden, ob zusätzliche Förderung notwendig sei und welche Folgen sie für den gesamten Markt habe.
Wenn jeder zusätzliche Tag Geld kostet
Wie sich Zinsen im Unternehmen auswirken, zeigte Lindner am Fahrzeugbestand der Autoland AG. Bei rund 15.000 Autos verursache jeder zusätzliche Tag bis zum Verkauf Finanzierungskosten und schmälere den möglichen Ertrag. Zeit werde damit zu einem wirtschaftlichen Faktor.
Internationale Entwicklungen, staatlicher Finanzierungsbedarf und große Investitionen etwa in Künstliche Intelligenz könnten die Finanzierungskonditionen ebenfalls beeinflussen – bis hin zum Unternehmensdarlehen oder Hauskredit.
Investitionen scheiterten allerdings nicht immer am Geld. Aus seiner Zeit als Bundesfinanzminister berichtete Lindner von mehr als 20 Milliarden Euro für Bauvorhaben, deren Einsatz durch kompliziertes Planungs- und Baurecht sowie langwierige Genehmigungen erschwert worden sei. Seine Schlussfolgerung: Zusätzliche Mittel helfen nur, wenn Projekte auch umgesetzt werden können.
Bürokratie belastet beide Seiten
Lindner kritisierte vor allem die Summe ständig wachsender Anforderungen, etwa im Arbeits- und Brandschutz oder bei Finanzierungen. Zusätzliche Absicherungen verursachten Kosten, ohne dass ihr Nutzen immer im Verhältnis zum Aufwand stehe – sinngemäß verglich er dies mit Gürtel und Hosenträgern zugleich.
Davon seien auch Behörden und Finanzämter betroffen. Einfachere Verfahren könnten daher Unternehmen und Verwaltung entlasten. Dahinter stehe eine Frage des Vertrauens: Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen brauchten mehr Raum für eigenverantwortliches Handeln.
Zugleich nahm Lindner die Wirtschaft selbst in die Pflicht. Unternehmen sollten ihre Zukunft aktiv gestalten und neue Wege erproben, statt ausschließlich auf politische Entlastung zu warten.
Holtemöller: Die Erfolgsgeschichte hinter der schlechten Stimmung
„Uns ging es nie besser, aber die Stimmung ist schlechter denn je.“ Mit dieser zugespitzten Aussage lenkte Prof. Dr. Oliver Holtemöller den Blick auf langfristige Fortschritte.
Gerade Ostdeutschlands wirtschaftliche Entwicklung sei eine beachtliche Erfolgsgeschichte. Die Wirtschaftsleistung je Einwohner sei seit der Wiedervereinigung stark gestiegen und liege im gezeigten kaufkraftbereinigten Vergleich inzwischen über dem Durchschnitt der EU-27. Auch die langfristig gestiegene Lebenserwartung zeige, dass die aktuelle Stimmung allein kein ausreichender Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt sei.
Der pauschale Gegensatz zwischen starkem Westen und schwachem Osten greife zudem zu kurz. Wirtschaftlich schwächere Regionen gebe es auch im Westen. Dort seien jedoch mehr besonders leistungsstarke Wirtschaftszentren vorhanden. „Ostdeutschland holt auf – aber Leuchttürme fehlen“, lautete dazu eine Überschrift seiner Präsentation.
Warum mehr Maschinen allein nicht ausreichen
Den bisherigen Aufholprozess erklärte Holtemöller unter anderem mit der besseren Ausstattung der Arbeitsplätze: Leistungsfähigere Maschinen und moderne Anlagen ermöglichten eine höhere Produktivität.
Für die weitere Entwicklung reiche es jedoch nicht, immer mehr vom Gleichen zu investieren. Je näher eine Wirtschaft der technologischen Spitze komme, desto stärker müsse sie selbst Neues hervorbringen: Produkte, Verfahren und wirtschaftlich nutzbares Wissen.
Dafür brauche es Forschung, Entwicklung und gute Bedingungen für neue Unternehmen. Neue Ideen müssten sich am Markt durchsetzen können. Ebenso entscheidend seien qualifizierte Menschen und die Fähigkeit, internationale Talente zu gewinnen.
Verlässliche Regeln als wirtschaftliche Grundlage
Wirtschaftlicher Erfolg hänge außerdem vom institutionellen Umfeld ab. Unter dem Begriff „soziale Infrastruktur“ beschrieb Holtemöller das Zusammenspiel von Rechtsstaat, Politik, Institutionen und Offenheit.
Gemeint seien die grundlegenden Bedingungen wirtschaftlichen Handelns: Verlässliche Regeln und geeignete Anreize förderten die Bereitschaft, Wissen aufzubauen, zu investieren und Technologien einzusetzen. Dazu verwies er auf eine wissenschaftliche Arbeit von Robert E. Hall und Charles Jones sowie auf die aktuelle Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises.
Talente, Technologie und Toleranz
Was eine innovative Wirtschaft braucht, bündelte Holtemöller in den drei T: Talente, Technologie und Toleranz.
Bei den Talenten verwies er auf den höheren Anteil junger Menschen ohne Schulabschluss in Ostdeutschland. Ihre schlechteren Arbeitsmarktchancen seien auch eine wirtschaftliche Herausforderung.
Beim Thema Technologie benannte er geringere private Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie weniger Exzellenzcluster. Forschung und unternehmerische Anwendung müssten deshalb stärker zusammenfinden.
Toleranz wiederum sei ein Standortfaktor: Rechtsextreme Gewalt könne international mobile Fachkräfte und Unternehmen abschrecken. Wer Talente gewinnen wolle, müsse ihnen berufliche Perspektiven und ein sicheres, offenes Umfeld bieten.
Strukturwandel gehört zur Entwicklung
Strukturwandel sei kein Ausnahmezustand, sondern Teil wirtschaftlicher Entwicklung, erklärte Holtemöller. Dabei bedeute viel Veränderung nicht automatisch Erfolg; eine beständige Wirtschaftsstruktur sei umgekehrt nicht zwangsläufig ein Nachteil.
Seine Darstellung unterschied vier regionale Entwicklungsmuster: Strukturwandelverlierer, sich neu erfindende, zurückbleibende und strukturbeständige erfolgreiche Regionen. Entscheidend sei, ob Arbeit, Kapital und Wissen neue produktive Verwendungsmöglichkeiten fänden.
Eine allgemeingültige Blaupause gebe es dafür nicht. Wirtschaftspolitik müsse Menschen und Unternehmen befähigen, Veränderungen zu bewältigen. Erfolgreiche Strukturen entstünden wesentlich durch dezentrale Entscheidungen und Wettbewerb. Holtemöller verwies außerdem auf die wirtschaftlichen Kosten populistischer Politik, wenn diese Institutionen schwäche und Offenheit beeinträchtige.
Achim Oelgarth: Unternehmen müssen wachsen können
Achim Oelgarth sah ebenfalls Gründe für Zuversicht, warnte jedoch davor, einen positiven Wachstumsausblick mit gelösten Strukturproblemen gleichzusetzen. Fehlende Planungssicherheit, hohe Energiepreise, Bürokratie und Unsicherheit bremsten Unternehmen. Reformen müssten entschlossener vorankommen – auch auf europäischer Ebene.
Welches Potenzial vorhanden sei, zeigten die Berliner Start-up-Szene, UPM in Leuna, ZEISS in Jena, Silicon Saxony und die Entwicklung von Autoland. Es brauche Bedingungen, unter denen solche Erfolgsgeschichten wachsen könnten.
Fehlendes Geld sei dabei nicht immer das größte Hindernis. Häufig müssten zunächst andere Investitionshemmnisse beseitigt werden. Junge, risikoreichere Unternehmen benötigten dennoch passende Finanzierungsformen, private Investoren und Wagniskapital, um ihre Ideen am Markt erproben zu können.
Neue Gründungen machen Mut
Als positives Signal nannte Oelgarth die zunehmende Gründungsaktivität. Nach den von ihm vorgestellten Zahlen des Reports „Next Generation“ wurden im ersten Halbjahr 2026 deutschlandweit 3.053 Start-ups gegründet – 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025.
In Sachsen-Anhalt stieg die Zahl von 15 auf 20 und damit um rund 33 Prozent. 34 Prozent der bundesweiten Neugründungen hatten einen Bezug zu Künstlicher Intelligenz. Für Oelgarth ein Zeichen, dass Innovationskraft und unternehmerischer Mut trotz schwieriger Bedingungen vorhanden seien.
Zugleich stelle der bevorstehende Ruhestand vieler erfahrener Fachkräfte die Unternehmen vor große Aufgaben. Oelgarth warb deshalb auch für eine stärkere Investitions- und Beteiligungskultur. Dazu zählte er kapitalgedeckte Altersvorsorge und eine intensivere Beschäftigung mit Aktien und Unternehmensbeteiligungen.
Wachstum oder Wohlstand – was ist das Ziel?
Moderator Maik Scholkowsky führte die Debatte immer wieder zu den Menschen hinter den Kennzahlen. Wie lassen sie sich für Veränderungen gewinnen? Mit dem Bild eines motivierenden Fußballtrainers wie Jürgen Klopp fragte er nach politischer Führung und einer gemeinsamen Vorstellung von Zukunft.
Auch Arbeitszeit, Teilzeit und Vier-Tage-Woche kamen zur Sprache: Wie lassen sich Leistungsbereitschaft, persönliche Lebensgestaltung und wirtschaftliche Zukunft verbinden? Der demografische Wandel warf weitere Fragen auf – zu Pflege, Wohneigentum, Vermögensweitergabe und Generationengerechtigkeit.
Bei der Reihenfolge der Begriffe im Konferenztitel setzte Holtemöller das Ziel an den Anfang: Wenn Wohlstand erreicht werden solle, müsse nach den geeigneten Wegen gefragt werden. Eine funktionierende Wettbewerbsordnung könne produktives Arbeiten und Wachstum ermöglichen. Die konkrete Leistung erbrächten Menschen und Unternehmen.
Steffi Syska: Kommunale Spielräume nutzen
Bürgermeisterin Steffi Syska übertrug die Diskussion auf die kommunale Ebene. Eine Stadt könne nicht alle wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Sie könne aber Vorhaben beharrlich verfolgen, Fördermittel einwerben und ihre Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen.
Einen besonderen Standortbezug stellte sie mit einer aktuellen Erkenntnis aus den archäologischen Untersuchungen her: „Die Archäologen haben gerade herausgefunden, dass es hier schon in der Bronzezeit Handel gab.“
Von diesem frühen wirtschaftlichen Austausch schlug sie den Bogen zum geplanten Ausbau des Industriegebiets Brehna. Sandersdorf-Brehna wolle auch künftig ein starker Wirtschaftsstandort sein.
Wirtschaftsförderung bedeute dabei mehr als geeignete Flächen bereitzustellen. Ebenso wichtig seien Kontakte, der Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie Unterstützung bei konkreten Vorhaben. Auch dazu solle die Konferenz beitragen: Aus Gesprächen könnten Ideen und daraus neue Projekte entstehen.
Eigenverantwortung beginnt im eigenen Wirkungskreis
Zum Ende betonte Lindner erneut, dass Wohlstand Investitionen und unternehmerische Verantwortung voraussetze. Chancen und Risiken müssten breit betrachtet werden. Auch angesichts der von ihm erwarteten weiterhin starken wirtschaftlichen Rolle der USA gelte es, die eigene Zukunft aktiv zu gestalten.
Seine Verbindung zu Ostdeutschland beschrieb er auch persönlich: Familiäre Bezüge prägten seinen Blick auf die Region.
Pauschale Schuldzuweisungen – etwa an Brüssel oder ausländische Menschen – führten dagegen nicht weiter. Hilfreicher sei die Frage, welche Entscheidungen und Veränderungen im eigenen Unternehmen oder Arbeitsbereich möglich seien.
Künstliche Intelligenz praktisch kennenlernen
Diesen Gedanken konkretisierte Lindner beim Thema KI: Beschäftigten sich Führungskräfte tatsächlich mit ihren Möglichkeiten oder läsen sie lediglich darüber?
Als Anstoß zur Selbstprüfung nannte er zehn Prozent der eigenen Arbeitswoche. Dahinter stand der Appell, neue Technologien praktisch kennenzulernen und ihren Nutzen für die eigene Arbeit zu prüfen. Wer Veränderungen gestalten wolle, müsse dafür auch selbst Zeit investieren.
Gespräche, die weiterführen
Die Konferenz verband unterschiedliche Perspektiven: Lindner betonte Freiraum und Eigenverantwortung, Holtemöller Produktivität, Innovation und verlässliche Institutionen. Oelgarth stellte Investitionsbedingungen und Unternehmenswachstum heraus, Syska die kommunalen Handlungsmöglichkeiten.
Beim anschließenden Get-together mit kleinem Imbiss konnten die Gäste die Themen vertiefen und Kontakte knüpfen. Ein Gedanke verband den Abend: Schwierigkeiten ernst nehmen, Chancen erkennen und im eigenen Verantwortungsbereich handeln.
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Stefanie Rückauf
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/ Stadtmarketing